Meine Kindheit war schön und früh lernte ich, was es bedeutet, wenn man auf Reisen ist. Meine Eltern nahmen mich schon früh auf schöne Reisen mit. Wohlhabend waren wir nicht. Es ging nicht um Luxus, sondern darum, Horizonte zu erweitern. Egal, ob es auf den Spuren der alten Römer oder Griechen war oder zusammen mit anderen auf Segeltörns. Einer dieser ersten Segeltörns war im Ijsselmeer mit zarten 6 Jahren, wo ich das erste mal mit Kursdreieck und Zirkel auf einer Seekarte Besteck machte, oder es zumindest versuchte. Weitere unvergessliche Segelreisen folgten in der Ägäis, Ostsee, Südspanien. Erinnerungen, die nie verblassen werden.

Die Jugend war schwierig, wie bei wohl vielen in den 90er-Jahren. Ich glaube, dass nach dem Ende des Kalten Krieges die beste unbeschwerte Feierlaune war, die die Republik wohl je hatte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die 60er Jahre wilder waren. Heute denke ich sehr viel an diese unendliche Fülle an Fragmenten der Erinnerungen unzähliger Partys und Bekanntschaften zurück, die sich damals stets spontan ergeben hatten. Es mag sein, dass man Negatives schneller vergisst, aber die Zeit war wechselhaft wunderbar bis unglaublich bis sehr schlimm. Was man halt so durchmacht als Halbstarker zu dieser Zeit, wenn man auch noch Internatsschüler ist, in WGs, in Städten wohnt und unglaublich tolerante Eltern hat, die sich auf allen Augen blind gaben – und trotzdem kunstvoll-subtil förderten.

Als die Schule vorbei war, grauste es mir natürlich, da die Zeit bisher ja aufregend und sehr intensiv war. Sollte ich in eine berufliche Richtung gehen, die mich tagtäglich einspannt, obwohl es mich nicht erfüllt? Keine Richtung sprach mich an. Schon gar nicht diejenigen, die wenigstens gehaltstechnisch gut wären. Also jobbte ich zunächst zwei Jahre.

Als ich mich für ein IT-Studium in Norddeutschland beworben hatte, bekam ich eine Absage. In dieser war allerdings eine Info-Broschüre, dass die Studienrichtung Nautik/Seeverkehr bzw. generell die ganze Seefahrt-Branche händeringend nach Fachleuten sucht. Wir waren mitten im Boom der Globalisierung und deutsche Reeder massiv auf dem Vormarsch die globale Logistik zumindest im Seefahrtbereich zu erobern. Der Job hat mich also gefunden! Nicht andersherum.

Zunächst begann ich auf Anraten eines Personalchefs einer Reederei mit der Lehrausbildung als Schiffsmechaniker, bevor ich zum Studium ansetzte. Schiffsmechaniker war die Kombination aus Vollmatrose und Motormann an Bord, mit Sachkenntnis zu nahezu allen Themen, um autark leben zu können fernab der Zivilisation. Grundsätzlich ist das eigentlich alles, was zum Beispiel eine Stadt benötigt, um ihre Bürger versorgen zu können – das gleiche, wie an Bord: Vom Frischwassergenerator, Stromerzeugung, Abwasseranlagentechnik, Klimatechnik, Antriebstechnik, Pumpen, Ventile, Leitungen, Aggregate und davon Instandhaltung und Instandsetzung. Nicht auf Niveau von Ingenieuren, aber alles musste man dennoch können. Viel Kontakt also mit Schweröl, Diesel, Schmieröl, Rost, Salz. Zum Schiffsmaschinenbetrieb gehörten natürlich auch große Werkzeuge, die man sich an Land nicht vorstellen kann, wenn alleine ein Zylinderring schon mehr als 1m Durchmesser hat. Schweißen und Schwitzen, Schrauben und Manual-Ordner Lesen war also ab jetzt im Bereich Maschinenraum angesagt, wenn meine Einsätze in der Maschine waren. An Deck als Kadett und später Matrose waren es dagegen Rostklopfen, Pönen, Ladungssicherung, Schiffssicherung, Decks- und Laderäume waschen und vieles anderes mehr. Auf Brücke war man Ausguck und Rudergänger. Insgesamt lernte man das „Konzert Schiff“, bei dem jedes Rädchen ins andere griff von der Pieke auf über dreieinhalb Jahre als Lehre.

Nach meinem Abschluss als Schiffsmechaniker verdiente ich bereits vergleichsweise einiges besser als Freunde und Bekannte an Land und hatte somit in meinem nun startenden Studium durch meine Einsätze in den Semesterferien ein sehr angenehmes finanzielles Polster. Zweimal pro Jahr für ich je für 2 Monate bzw. 3 Monate in den Semesterferien zur See, um auch die Theorie vom Studium an Bord gut abgleichen zu können. Dennoch war es ab nun schwieriger. Als fertig gebackener Schiffsmechaniker waren die Erwartungen an einen sehr groß, die Verantwortung bereits jetzt zu spüren. Oft trug man in seiner Position Alleinwissen und war plötzlich oftmals unentbehrlich im Schiffsbetrieb. Besonders auf kleineren Schiffen. Während des gesamten Studiums führ ich noch immer bei meiner ersten Reederei, die im Grunde alles an Ladung fuhr, und deren Schiffe wahre Alleskönner waren mit bordeigenen Kränen, Getreideschotten und Zwischendecks. Wir fuhren alles. Seltener Container, dafür z.B. Stückgut aller Art, ganze Fabriken, Öl-Bohr-Leitungen, Hilfsgüter, Fahrzeuge, Raketen, Panzer und so manche Geheimmission. Oft in kleinsten Häfen, wo sicheres Anlegen alles andere als garantiert war und man Mitten in der Dritten Welt landete, mit allen Abenteuern die das mit sich brachte, wie Blinde Passagiere, Überfälle, aber auch unglaublich schöne Erfahrungen. Insofern war mein Ziel erfüllt, dass mein Leben spannend blieb. Manche Schießereien und Piratensichtungen hätte man sich aber sparen können. Auch so manche Orkane und einen Schiffbruch, bei dem wir mit Monsterwellen zu tun hatten und von der Canadian Coast Guard gerettet werden mussten bei minus 20 Grad.

Das Studium an der FH Leer war facettenreich. Als Offizier und Kapitänsanwärter ist man schließlich für Gesundheit, Versorgung, Navigation und vieles mehr verantwortlich. Weit mehr als die Hälfte des Studium befasst sich mit Rechtswissenschaften, angefangen von vielen Internationalen Konventionen der Handelsschifffahrt, des Seehandelsrechts, Handelsrechts, aber auch sehr viel im Zivilrecht wie Arbeitsrecht und Vertragsrecht. Denn an Bord vereint der Kapitän alle drei Gewalten außerhalb jeglicher Jurisprudenz, repräsentiert die Bundesrepublik Deutschland und wird hie und da auch hoheitlich tätig – kann z.B. Ehen schließen und Bestatten, muss ggf. aber auch Zwang vollstrecken, wenn absolut nötig ist. Naturwissenschaftlich ging es in die Tiefe bei Meteorologie, organische Chemie (Ladungstechnik), Astronomie, technische Navigation, Ozeanografie und einiges mehr. Ein großer Schwerpunkt lag auch auf Gesundheitsfürsorge, Notfallmedizin und Personalführung, denn die Verantwortung gilt nicht nur Schiff und Ladung gegenüber, sondern im Speziellen der Crew und derer besten Versorgung und Best Teamplay – gute Seemannschaft. Multinational.

Stolz wie Bolle hatte ich nun mein Dipl. Ing. (FH) für Nautik/Seeverkehr und bekam meinen Sprung ins kalte Wasser. Gleich mein erster Einsatz ging durch chinesische Gewässer, wo das Credo auf Brücke war „Mut zur Lücke“ bei tausenden Fischerbotten, die das Radarbild wie eine Maserninfektion aussehen ließ. Kommando auf Brücke zu haben war ein großer Schritt, der einen einige Zentimeter wachsen ließ und einsame Entscheidungen abverlangte, bei Tag und Nacht, sowie bei jeder Sicht und jedem Verkehr. Die Vorzüge steigerten sich von Offiziersrang zu Offiziersrang, vom 4. Offizier bis 1. Offizier bereits dramatisch. An Bord, aber auch in Häfen war man nun ein Entscheider und als Senioroffizier später ein Entscheider über sehr viel. Mit Schiffsstempel und Master-Key hatte man zudem eine weitere Machtfülle mit der man aber auch die Bürde völlig alleiniger Verantwortung trug. Falsche Entscheidungen konnten fortan sehr viele Millionen wirtschaftlichen Schaden anrichten. Ich musste aufpassen, dass ich nicht überheblich wurde.

Die Schiffsgrößen fingen als damaliger Kadett mit rund 100 Metern an und endeten bei 365 Metern Länge über alles mit einer Containerkapazität von mehr als 14 Tausend Stück und einer Verdrängung von 241.000 Tonnen. Das Gefühl, solche Wunder der Menschheit fahren zu dürfen, deren Risikokapital mit Ladung bis zu 4 Milliarden USD entsprechen können, war sehr erhaben und demütig zugleich. Auch wenn man diese Position routiniert und als absoluter Spezialist sehr viele Jahre lang macht – man kann sich an diese Größen und Kapazitäten nie gewöhnen, auch wenn man entspannt dabei ist. Eines der wichtigsten Sachen, die man z.B. auch lernt in dieser Funktion: Funktioniere immer und verursache niemals und auch wirklich niemals Verzögerungen zu verursachen. Denn es geht um Hinterlandlogistik in einer globalisierten Lieferkette, wo wartende Züge und tausende LKWs, auch andere Schiffe und Liegeplätze nicht warten können. Entscheidungsfreudigkeit und Annahme von Verantwortung gehen in die Gene über, um alles stets unverzüglich gangbar zu machen.

Das Ende meiner Seefahrt war aufgrund der Corona-Maßnahmen. Als inzwischen Familienvater war es unverantwortlich, weiterzumachen. Manche Kollegen durften aufgrund der Reiserestriktionen ein Jahr und länger nicht von Bord, um ihre Familien zu sehen und um eine Auszeit zu bekommen. Üblich sind 4-6 Monate Einsatzzeit, wobei auch Sonntags, Feiertag und Nachts gearbeitet wird, in der Regel mit etwa 70 Stunden pro Woche. Selbstmorde, Todesfälle aufgrund nicht gewährter Medizinischer Behandlungen an Land (Restriktionen/Lockdowns) und sogar Mord an Bord bei Personen, die überreizt wurden, all das kam auf Schiffen vor. Ich selbst musste jemanden mit Bauchspeicheldrüsenproblemen behandeln, der mir fast unter den Fingern weggestorben war. Ein junger frisch verheirateter Russe, der immer weniger wog, sich vor Schmerzen quälte und alle Küstenländer die Abbergung aufgrund von Corona verweigerten. Diese Zeit wurde zum Dauernotfall und höchstes Risiko für jeden Seemann. Ein Gefühl der totalen Ohnmacht, wann man jemals nach Hause kommt, ob man irgendwo auf der Welt wie viele andere monatelang in korrupten Quarantänestationen bei Reis und Wasser „gehalten“ wird, wie es vielen erging. Zwei Einsätze hatte ich noch während dieser Coronazeit und kam äußerst glimpflich davon. Es öffnete mir aber die Augen: Als Seemann bist du nichts wert, wenn Krieg, Krisen oder Pandemien Chaos verursachen. Du bist eventuell eines der ersten Opfer.

Eine sehr positive Sache wusste ich während dieser Corona-Krise zu nutzen. Mein Wissen und mein Einblick! Da ich unter anderem in Shanghai und vor Los Angeles Long Beach in den größten Schifffahrtsstaus der Seefahrtgeschichte stand, bei denen jeweils mehr als hundert Milliarden USD Warenwerte in der Lieferkette fehlen, wurde mir klar, dass dies erhebliche Konsequenzen haben wird. Ein so erheblicher weltweiter Mangel an Rohstoffen, Vorprodukten, Produktionsstillständen und Endprodukten, dazu noch ein Zersprengen von jahrzehntelang etablierten Handelssystemen, Services und Trades wird enorme Teuerungen nach sich ziehen. Natürlich werden dann weltweit auch Leitzinsen und Zinsen steigen, weil Währungshüter wie die EZB und FED einschreiten müssen. Da ich mir für meine Altersvorsorge ein größeres Wohn- und Geschäftshaus und zuvor auch noch eine Eigentumswohnung in einer Innenstadtlage einmal gekauft hatte mit einer sehr hohen Bankfinanzierungsquote, entschloss ich mich also, eine vorzeitige Anschlussfinanzierung zu machen. Noch immer war Niedrigzinspolitik und ich ergatterte eine neue Finanzierung von 1,31% Zins, die 9 Jahre zuvor noch 3,5% war und streckte diese nochmals auf 15 Jahre mit Restschuld. Da meine Gewerbeeinheiten nicht mehr zahlen konnten in der Krise, war ich gezwungen die Eigentumswohnung zu verkaufen – zum absoluten Bestpreis bei der noch super guten Marktsituation. Es machte mich mit den Einnahmen der 5 Wohneinheiten und 4 Gewerbeeinheiten in dem Wohn- und Geschäftshaus ab 2022 dann zum Privatier, weil ich mit dem Erlös des Wohnungsverkaufs im Rahmen der Anschlussfinanzierung kräftig tilgen konnte. Von da an waren die Einnahmen von diesem Haus einiges höher als die Bankraten, wovon ich gut leben kann. Diese Entscheidung hätte ich nicht getroffen, hätte ich nicht mit eigenen Augen und Fernglas vor Shanghai und Long Beach diese großen Staus gesehen. Dennoch frage ich mich, warum andere dies nicht gesehen haben, die mit dem Thema Zinsmarkt wesentlich mehr zu tun haben, wie z.B. Investoren und Banker. Waren alle völlig irrational während dieser Corona-Krise?

Was macht ein Seemann, der mit Familie und Immobilien in Bayern fest verwurzelt ist und dort auch die Kultur liebt? Eine Tretbootrederei auf einem Karpfenweiher wollte ich nicht eröffnen. Als hoch verschuldeter Privatier, bei dem sich peu-à-peu alles von alleine durch Mieter mit fairen Mieten und tollen Zins abbezahlt, hätte ich auch nicht mehr arbeiten müssen. Es fehlt aber die Herausforderung. Als Workaholic, der mehr als 70, eher 80 Stunden Arbeit pro Woche gewöhnt ist als gesunden Stress, geht es schlichtweg nicht, nichts Großes zu tun. Man war Entscheidungsträger, Verantwortlicher, Zuständig für enorm große Werte. Ich fragte mich, was meine neue Passion sein könnte, auch weil ich meiner Frau nicht auf den Geist gehen wollte. Zunächst probierte ich es im Bereich Webdesign und Marketing. Dort hatte ich zwar Hobbymäßig bereits sehr viel Affinität, aber man ahnt es bereits – ohne besonderes Branding oder Netzwerk war dies komplett unfruchtbar. Dennoch brachte es eine gewisse Art von Übung für die dann kommenden zündende Idee. Immobilienmakler. Mein Eindruck von Maklern war schlecht außer in zwei Fällen und es hat sich zunächst als krasser Abstieg empfunden. Denn klar ist, dass viele sich darin versuchen und es wohl auch viele schwarze Schafe darunter befinden. Allerdings konnte ich finanziell unabhängig mit gutem Puffer nach eigenem Gusto auftreten. Die Voraussetzungen für eine weitere Qualifikation und Ausbildung waren also gegeben: Liebt Verantwortung, auch für Team und Menschen (Seemannschaft), jahrelange Erfahrung mit Mietern, Pächtern, Immobilientransaktionen, Vermietungen, Mietrecht, Zivilrecht, Betriebskostenabrechnungen, usw. und Spaß an komplizierten Fällen, wo ab und zu auch soziales mit praktisch-handwerklichem Engagement im Win-Win zusammentrifft. Man kann für herausragende Leistung gut bezahlt werden, um Menschen (oft älteren) bei großen Problemen sehr gut zu helfen. Ursprünglich war angedacht, dass ich zwei bis drei mal pro Jahr eine Immobilie zum Kauf vermittele, um mir gewisse Wünsche zu er ermöglichen. Aber nachdem erste Erfolge und Referenzen enorm gut ausfielen, wurde mein kleines Einzelunternehmen begehrt. Jetzt wurden des 2-3 Dutzend(!) Objekte pro Jahr und ich benötigte Angestellte. Meine 80-Stunden-Woche ist endlich zurück 🙂

Vermisse ich die Seefahrt?
Ganz klar JA. Aber wie bei jeder Liebesgeschichte vergisst man schnell die negativen Seiten. Ich bin sehr froh, dass ich den Ausstieg nach 25 Jahren Seefahrtsszeit geschafft habe. Bereits nach dieser Zeit ist man im Grunde nicht mehr „Landtauglich“, zumindest nicht in der Art, dass man z.B. als Arbeitnehmer einen normalen Beruf annehmen könnte, weil man stets gewohnt war, alles selbst zu verantworten wie ein Selbständiger. Aber auch das Soziale im Allgemeinen verändert sich, da an Bord ein verständlicherer, vertrauensvollerer, aber rauerer Ton herrscht, man aber auch in aller Welt oft Unglaubliches erfährt, begreifen sich Seeleute und „Landratten“ einander irgendwann immer weniger. Die Liebsten an Land sind extrem Leidtragende, insbesondere Kinder, die ein anderes Zeitempfinden haben und bei denen man bei wegweisenden Ereignissen nicht dabei sein kann. Ja, das Familiäre lässt sich aber auch kompensieren, wenn man in den langen Urlauben von rund 3 Monaten 24/7 Quality Time macht und die Mutter dann Vollzeiturlaub hat. Aber das überfordert einen Seemann zusätzlich. Mir persönlich reicht es, mich an schönen Erinnerungen zu erfreuen, zum Beispiel wenn ich um 5 Uhr früh auf Brücke war und tausend Seemeilen um mich herum kein Mensch war, der mir den Sonnenaufgang und den Blick auf meine Delfine hätte vermiesen können. Selbst zu den stählernen Schiffen und deren Hauptmaschine hat man eine seltsam-innige Beziehung aufgebaut, die man schon vermisst.